Ralf Wendt
Hettstedt,
Städtchen an der Wipper, im Volksmunde: Hechstedt,
auch Heckstedt, a. 1046 Heiczstete = „Stätte des Hecco“. *
jrund, f. (seltener m.),
der Grund, Vertiefung des Erdbodens. Im Besonderen heißt där
Jrund das Thal der bösen Sieben von Wimmelsburg aufwärts —
raus muss der Hase aus’n Loche, oder es misste kei Jrund drinne
sitzen, vielleicht vom Schachte hergenommen, der „ersoffen“ ist
Neuke und Nappian sollen nach einem sagenhaften Bericht
a. 1199 auf dem Kupferberge bei Hettstedt zum ersten Male den
Kupferbergbau getrieben haben (der Bergbau ist jedoch sicher
älter)*
varläsen, st. V.,
verlesen. Die Bergleute werden, um ihre Anwesenheit festzu-
stellen, verlesen, bevor sie in den Schacht fahren.
Ä iss verlesen = er ist gestorben; möglicherweise spielt auch das
alte farliosan = verlieren mit hinein“
Orte wie Hettstedt 65
Ich find’s einfach schön, ich kann weit schauen; ich seh den Brocken,
wir haben Wald, wir haben 'ne Hügellandschaft, wir haben extrem
viele Feldwege; wir haben Seen, da kann man baden gehen; das
sieht aus wie in Kanada. Ich bin um die janze Welt jekrochen, hab
mir den krassesten Scheiß anjeguckt - aber es is’ halthhier dasselbe.
Carlo Walter - Designer
Es fühlt sich immer wie zuhause an, also wir waren ja schon überall,
aber hier issis wie auf Hawaii - alles Schöne auf einem Fleck.
Luisa Fingas - Schulsekretärin
Also in Groß-Örnau gibt’s eine Halde, und da sind wir auch immer
hochgeklettert - man fühlt sich irgendwie groß und frei, als wenn
man fliegen würde.
Tizian Bialek- Schüler
Einmal im Jahr is’ da’ne Führung hoch - wenn mich einer fragt, was
der schönste Ort überhaupt is’, dann isses jenau das - jibt nichts
Schöneres als da janz oben zu sein. Wie uffm Vulkan.
Paul Schulze - Arbeiter
Man weiß halt gleich, egal von wo man kommt, man is’ wieder zu
Hause, wenn man die sieht.
Luisa Fingas
Und ooch da son verfallenes - war's nen Stolleneinjang oder so-von
der Optik allene wunderschön.
Steffen Pfennigsdorf- Handwerker
Für mich persönlich immer faszinierend, wenn die alten Leute
davon jeredet ham, wie sie mit Pferdekutschen unter janz Hettstedt
drunterdurch jefahren sin.
Maria Hüber - Geschäftsführerin Pflegedienst
Bergbau-Folgen wie jrund
Menschen, die Jahrhunderte lang einjefahren sin, die noch danach
zu Hause Tiere versorjen mussten, das hat für’nen kritischen Men-
schenschlag jesorgt, der vielleicht auch erfinderischer wurde, wenn
auch 'n bisschen '’n härterer Menschenschlag daraus entstanden
is. Aber: Man kann sich auf den Mansfelder verlassen.
Jochen Miche - Geschäftsführer Copy-Shop
Es is 'ne 800 Jahre alte Verbundenheit mit dem Land, trotz der
schweren Arbeit, die die Leute für ihr Glück und ihre Familie auf sich
genommen haben. Die Leute mussten sich aufeinander verlassen,
unter Tage und dann eben ooch über Tage noch weiter gefestigt.
Un es war auch so, es sin nich viele Leute von hier wegjejangen.
Vielleicht eben grad ooch wejen die Halden.
Dieter Borrmann - Kumpel i.R.
u
=
nen sn
lenink, ad|j.,
liegend. Das Lenink, Leninge, Liegende, bergmännischer
Ausdruck für die untere Seite eines Ganges (des Schieferflözes),
im Gegensatz dazu heißt die obere das Hangende.
— einen lenink machen, zum Liegen bringen. Vergl. Drinink,
jilinink, stinink, passnink, reissnink, essnink, lachenink*
Schmurze, f.,
Hiebe, Haue ’s setzt Schmurze inn Horen,
ann Rocke, uffen Hute*
Die Halden in der Landschaft spielen eine große Rolle. Ein Fischer,
der auf'm Meer rumangelt, der hinterlässt in dem Sinne nichts. Hier
haben wir das seltene Glück, dass man die landschaftsprägenden
Halden hat - und so sind die Mansfelder quasi mit einer Landschaft
verbunden, die sie selbst geschaffen haben. Und jede Familie hat
irgendwie eine Beziehung zur Entstehung der Halden.
Jochen Miche
Na ja- und die Schnaps-Kultur eben -, die Kumpels haben halt’ne
Pulle mitbekommen und nach Schicht im Schacht ham se ooch
zusammen jetrunken und dann war eben nischt mehr mit Aufstand
gegen scheiß Arbeitsbedingungen und das hat im Umkehrschluss
natürlich ooch ’ne krasse soziale Funktion, die die Leute eben ver-
bunden hat: die Ratte qieken lassen, hat ma ja jesacht - weil unter
Tage, wenn die Ratte quiekt, isses jefährlich wegen Gas oder so - und
über Tage war es das Trinken zusammen. Und das is’ heut noch so.
Carlo Walter
Probleme”
Aber -da müssen wa ooch ma ’nen Strich ziehen -, das is’ im Prinzip
alles weg. Es jab in jedem Ort und jedem Dorf diese Hüttenfeste.
Nach de Schicht is ma inne Kneipe jejangen zusammen. Heute
denkt jeder nur an sich. Is’ ja kaum noch Arbeit da. In der Wende is’
de facto alles verschwunden. Früher 20000 im Mansfeld-Kombinat
und jetzt vielleicht noch 2000. Das hätte nich sein müssen. Wenn
die Wassereinbrüche im Sangerhäuser Revier nich jekommen
wären, hätte es vielleicht anders ausjesehn. Und damit mussten
wir jenauso wie andernorts einfach zugucken, wie alles still stand
danach. Keene Transportwege mehr, keene Infrastruktur, keene
Industrie. Is ja alles jeflutet unter Tage. Wo soll die denn jetz her-
kommen. Leute ham wa noch, mehr is’ ja nich mehr da. Un es is’
die Frage, ob die Leute trotzdem hierbleiben wollen. Oder können.
Dieter Borrmann
lank, ad|j.,
lang, änne lanke (nämlich Schicht) machen, länger als sonst
arbeiten, vergl. Jut; du kreist mich lengest nich, där jlauwets
lengest nich (schon lange nicht)“
Perscheln, sch. V,.,
mit Mühe fortschaffen, schleppen. Ä Stein furt perscheln; auch
absolut, du wirst schine perscheln müssen“
wäwweln auch wiwweln, sch. v.,
sich hin- und herbewegen*
Tizian Bialek
Die meisten - seh ich ja in meiner Schule -, die ziehen weg. Studie-
ren sonst wo und Geschäfte machen zu, Kneipen machen zu - der
Ratskeller jetze grad. Ich mach nie was in Hettstedt, weil hier gibt
es nichts. Es is zu wenig Geld da, keine Arbeit.
Tizian Bialek
Wenn hier die letzte große Firma KME ma’ dicht macht, dann würde
Hettstedt von der Landschaft radiert werden. Die Zulieferer dann
och weg.
Steffen Pfennigsdorf
Migration is ooch son Thema. Das wär ja’ne Chance eigentlich. Aber
die wollen jar nich hier bleiben, weil is ja nüscht. Jibt jede Menge
Sozialarbeiter, die sich total Mühe geben, aber warum sollten die
hier bleiben wollen? Keine Jobs, nix los.
Luisa Fingas
Warum bleiben?
Na ja-is’ schwierig hier, klar, aber ich arbeite zum Beispiel in
Braunschweig und fahre halt jedes Wochenende hierher. Weil,
so 'ne Mentalität kannste suchen in Braunschweig. Wenn's nur is,
wenn man irgendwo mal liegenbleibt mit dem Rad oder Moped
und gleich jemand rausspringt und fragt: brauchste 'ne Pumpe?
Kannst dein Moped ooch stehen lassen hier’ne Woche oder zwei.
Paul Schulze
Na ja-mein Freund Andre, der macht das ja ooch dauernd - da
is’ 'ne Nachbarin, der ihr Schrank kaputt jejangen is’—- baut er ihr
halt’nen neuen - die kann sich jetzt nich ma’ eben so leisten, 'nen
neuen Schrank zu kaufen. Is’ ja logisch.
Luisa Fingas
Dieter Borrmann
Carlo Walter
Kenij, m.,
König. Die Kinder singen mit Vorliebe:
Ich bin ä klaner Keniij, jat mich dach a Fenij.
Ich bin ja ooch zurückjekommen. Und viele andre ooch. Warum?
Ich hab mich oft lost jefühlt in der Welt, man stößt überall an diesel-
ben Grenzen: meins, deins und so - hier is da drauf jeschissen. Hier
war es so lange egal, was wer hatte, weil jakeener was hatte - und
jenau die Haltung is immer noch da. Spielt keene Geige, ob Du
Levi’s anhast oder irgendwas vom Lidl.
Aber was wir in den 90ern schon hatten, das ham wa immer noch:
den „wilden Osten“ und da steh ich ja super drauf. Nich so 'ne
flächendeckende staatliche Kontrolle. Und das is’ halt’ne herrliche
Mentalität hier, 'ne super soziale Region; warum ich jetz auch hier
bin; wir ham hier sauviel Potential, sind ’'nen Haufen Leute hier - viele
sin auch zurückjekommen aus 'm Westen. Wir können hier alles
machen. Unorganisiertheit, die viel mehr Möglichkeiten bietet.
ls’ immer ’n Kasten Bier da, muss man halt standfest sein, aber
ansonsten kommen Leute rum, wenn Du sie brauchst.
Carlo Walter
Es wird ooch nich groß jefracht, da wird mitjemacht und denn is’ jut.
Maria Hüber
Das is was, was hier viele Freundeskreise auszeichnet - dieser
Zusammenhalt. Und irgendwie sind alle offen für andere, die dazu-
kommen.
Sandy Roß (Mitarbeiterin der AOK)
Und wenn meine Mutter nach dem siebenten Mal, an dem sie Leute
eingeladen hat mitzuessen, gesagt bekommt: und nächstes Mal
essen wir bei uns, dann antwortet sie: Neenee - Du kannst schon
noch sieben mal hier essen, ich werd schon irgendwann zehnmal
bei Dir essen. Also dieses Teilen, wenn Du hast, is’ echt 'n Ding.
Luisa Fingas
Ich habe zum Beispiel noch nie erlebt, dass 'n Fremder, wenn der
irgendwo in die Kneipe kam, sich nich sofort auch mit an den Tisch
setzen sollte. Und nich nur, weil se neugierig sind, sondern weil sie
integrieren wollen. Das is’’'n grundsympathischer Zug. Hier kann
man durchaus leben und alt werden.
Jochen Miche
Paul Schulze
Sandy Roß
Denn es sind viele, die Bock haben und es is’ einfach wichtig,
connected zu sein. Und es werden immer mehr und dadurch wird
es einfach noch geiler, als es schon is’.
Carlo Walter
So -is’ also nur die Frage, wie das geht, dass Leute hierbleiben
können. Wäre natürlich schön, wenn sich Industrie ansiedeln würde,
Arbeitsplätze, aber dazu müsste echt viel passieren.
Steffen Pfennigsdorf
Bei uns im Freundeskreis - wir sind alle technikbegeistert —, wir
haben alle irgendwelche alten Mopeds oder Trabis gekauft und
baun diesen Ostschrott wieder auf.
Paul Schulze
Du guckst halt hier- und die Grundbedürfnisse müssen ja erfüllt
werden. Oder wir sehen uns an, wie es is’-hier im Mansfeld is’
deutschlandweit die geringste Wertsteigerung durch Immobilien-
Weiterverkauf vorhanden, und dann kannste eben mit kleinem Geld
Dir das bauen, was Du gut findest —’nen geilen Sonnenuntergang,
Platz das zu machen, was Du machen willst. Und dass dann vielleicht
eher so 'ne soziale Tauschgesellschaft draus wird und Geld is’ eh
nich da.
Carlo Walter
Der siebente Sinn
Und wenn kein neuer Traktor da is’, dann bauste Dir eben einen.
Da war so’n Typ, der mir erzählt hat, dass er irgendwie Angst hat
vor diesen Smartphones und dann vielleicht abhängig wird, da
immer draufgucken zu müssen, und gleichzeitig hat der aber so ’'n
Zweieinhalbtausend-Kilo-Zuchtbullen umarmt, wo jeder Mensch,
der zwar mit ’'nem Handy ungehen kann, Angst vor hat. Also der Typ
erzählt mit dem Zwei-Tonnen-Zuchtbullen im Arm, dass er lieber
kein Smartphone haben will. Und jenau dieser Typ wollte seinen
Bauernhof einrüsten, hatte aber nich soviel Jeld und da hat ereben
'ne kleene Rüstung uffn Hänger jebaut, un’’is immer mit dem Hänger
ums Haus jefahrn, damit er eben nich auf- und abbauen muss.
Carlo Walter
Oder den berühmten siebenten Sinn. Es jab ja nie viel hier - war
immer zu wenig, selbst in der DDR-.na ja und da haste halt im-
provisiert.’S jab ’'n Typen - Erwald hieß der, der hat ’n Grundstück
zwischen Mansfeld und Ritterode - ziemlich abjelegen - und der
kam irgendwie uff die Idee, an 'ner bestimmten Stelle nach Erz
zu gucken und hat jede Menge Silber jefunden - so viel, dass se
irgendwann alles beschlachnahmt ham und er seinen Stollen
zumachen musste - also in DDR-Zeiten.
Steffen Pfennigsdorf
Was jetzt so 'ne Art Gespür meint, das Versteckte zu entdecken,
ungewöhnliche Wege zu finden, na ja- die Eisenbahnen wurden
ja auch oftmals jebaut aus zwei Richtungen hundertfuffzig Jahre
zuvor -, und die haben sich punktjenau jetroffen oder auch unter
Tage - die haben Stollen jemacht, die sind von zwei Richtungen
jebaut worden und ham sich jetroffen. Vielleicht 'is da was, was
man nur wieder erwecken muss; wäre ja ’n richtiger Exportschlager.
Jochen Miche
Ich glaub’ der Drang ’is immer noch da, ja-'nen Schatz für die
Zukunft des Mansfeldes zu finden. Aber wenn das so wäre, würd’
ich mir wünschen, dass es was wäre, womit man hier was herstellen
könnte, mit den Menschen, die hier leben.
Sandy Roß
Zum Beispiel Skihänge auf den Halden.
Paul Schulze
/O
kolzen, sch. v.,
im Geheimen miteinander schwatzen, Unwahres reden;
zu kallen, mhd.:
kalzen - vergl. in Nordhausen kolzen = Tauschhandel treiben“
schräwen, st.Vv.,
mit den Füßen aufstampfen, festen Schrittes gehen“
* Wörterbuch der Mansfelder Mundart von Dr. Richard Jecht,
Kommissions-Verlag Ed. Winter, Eisleben 1838
Ralf Wendt (Halle/S.) führt Gespräche mit Menschen im Mansfeld seit dem
Frühjahr 2010 und erstellt aus den Audioportraits Collagen und Hörspiele zur
Zukunft des Mansfeldes. Die Portraits und Hörstücke werden veröffentlicht
auf www.imaginary-mansfeld.net.
Ralf Wendt
Und natürlich lauter verrückte Fundstücksammlungen aus dem
Schiefer - was man da alles rausholen könnte, Abdrücke, Mine-
ralien, Fische, Zeugs.
Jochen Miche
Und lauter kleine verrückte Geschäfte und Unternehmen, viele, viele.
Steffen Pfennigsdorf
Hier hat man schon immer irgendwie überlebt - jederhhilft jedem,
da braucht’s keinen großen Regierungsplan.
Sandy Roß
Also für mich is’ es halt auch ’'ne Zukunft des Tauschens. Alle
sammeln hier ja und haben Platz für lauter Zeug. Und was ich hab,
damit kann sich jemand anders 'ne Wohnung ausstatten und der
deckt mein Dach denn. Na und außerdem kannste alles mögliche
aus der Schlacke machen und verkaufen. Also ich hab zum Beispiel
oft an Schmuck schon jedacht.
Carlo Walter
Oder halt Sextoys zum Beispiel.
Ralf Wendt
Sextoys is’’ne geile Idee.
Carlo Walter
Bisschen hart vielleicht.
Jochen Miche
Und wenn überall alles kippen sollte, dann sind wir hier die ersten, die
überleben, weil sie sich selbst überlebend machen und austauschen.
Carlo Walter
Roter Bolus